Nachhaltigkeit: Greta vs. Lindner – ein Schwergewichtskampf über 12 Runden?

2019 kann man sicherlich als DAS Jahr der „Nachhaltigkeit“ bezeichnen. In fast allen Bereichen unseres Lebens fällt immer häufiger der Begriff der Nachhaltigkeit, oftmals auch im Kontext mit Klimawandel. Die schwedische Aktivistin Greta Thunberg und #FridaysForFuture – wenn auch nicht von allen gemocht und teils verhasst – haben etwas angestoßen, was sich wahrscheinlich nicht mehr umkehren lässt. Und die Fakten sprechen gegen die Leugner des menschen-gemachten Klimawandels.

Das Klima ändert sich teilweise so dramatisch, dass man sich fragen muss, ob wir es überhaupt noch stoppen können. Der Hitzesommer 2019 in Deutschland ist vielen noch in Erinnerung und reiht sich in die Liste der heißesten Jahre seit Beginn der Aufzeichnung im Jahre 1881 ein.

Und der Januar 2020 ist auch schon wieder viel zu warm. Ganz abgesehen von den verheerenden Bränden in Australien mit vielen Toten Menschen und Tieren.

Ebenso hitzig und kontrovers wird in Talkshows, den Sozialen Medien, aber auch in Parlamenten, Unternehmen, Familien und hunderten von Konferenzen diskutiert. Und leider verhärten sich die Fronten zwischen den beiden Seiten zusehends. Fakenews und Fakten vermischen sich bei solchen Diskussionen.

Greta vs. Lindner – ein Schwergewichtskampf über 12 Runden?

Thunberg und die Diskussion zum Thema NachhaltigkeitIn der roten Ringecke stehen die „Aktivisten“. Die meisten, nicht alle, versuchen mit Fakten zu argumentieren. Die Bandbreite jener Aktivisten reicht von Schülern, Studenten, Wissenschaftlern, Unternehmern bis hin zu „Extinction Rebellion“. Einer Gruppierung, die auch vor illegalen Aktionen und Maßnahmen keine Scheu zeigen und damit leider viel zu häufg über das Erlaubte und Akzeptable hinausgehen.Viele wollen das aktuelle Wirtschaftssystem reformieren, ändern oder sogar abschaffen und fordern teilweise Verbote. Die Marktwirtschaft in seiner jetzigen Form wird massiv in Frage gestellt. Wir könnten anstatt Greta Thunberg auch die deutsche Aktivistin Luisa Neubauer einsetzen.

Linder und die Diskussion zum Thema Nachhaltigkeit

In der anderen, der blauen Ecke, finden wir – allen anderen politischen Vertretern voran – die „Liberalen“ mit ihrer politischen Gallionsfigur Christian Lindner. Einem Politiker, der persönlich als im Namen seiner FDP, an den sogenannten freien „Markt“ und seine innovativen als auch regulierenden Kräfte glauben. Verbote sind nach Auffassung des Herrn Lindner und seiner Partei kontraproduktiv, denn sie beschneiden die Rechte der Menschen. Nur in einer freien Gesellschaft wird es zu Innovationen kommen, die die derzeitigen Probleme lösen. In gewisser Form glaubt Herr Lindner und die hinter ihm und seiner Fraktion stehende Anhängerschaft an eine Art „Selbstreinigungs-Prozess“, der eben bis dato nur noch stattgefunden hat, aber definitiv stattfinden wird.

Nachhaltigkeit als „gemeinsame“ Aufgabe begreifen

Beide Seiten stehen sich anscheinend unversöhnlich gegenüber und lassen die Argumente der anderen nicht gelten. Aber warum hole ich so weit aus? Was hat das mit Finanzplanung oder Kapitalanlage zu tun? Es geht schlicht um DIE Herausforderung des kommenden Jahrzehnts und deren Lösung, der wir uns alle stellen müssen. Und dabei hilft ein Kampf der beiden Seiten überhaupt nicht. Es ist an der Zeit, ohne Dogmen nach Lösungen zu suchen. Dabei können Verbote, Gesetze, aber genauso Innovationen zum Ziel führen.

Ich glaube fest an die Innovationskraft von Ingenieuren und Wissenschaftlern, neue Lösungen zu finden, die den Klimawandel aufhalten können. Aber wir müssen endlich aufhören zu reden und beginnen, etwas zu tun. Und hier kommen die Finanzmärkte ins Spiel. „Wir“, die unterschiedlichen Marktteilnehmer, sind mitten im Epizentrum, haben es aber leider noch nicht richtig begriffen. Für viele ist es derzeit, wenn überhaupt, ein Marketing-Thema. Aber nicht nur die Regulierung wird hier für Veränderungen sorgen. Auch die nächste Generation der Kunden, die „Erbengeneration“.

Stehen wir am Anfang einer „grünen“ Revolution?

Wir stehen am Beginn der „grünen Revolution“. Fachleute sprechen von einem 6. „grünen“ Kondratieff-Zyklus, aus dem eine neue „Green-Tech-Ära“ entstehen wird. Diese langfristigen Konjunkturbewegungen werden in Zeitabschnitte von etwa 50 bis 60 Jahren eingeteilt. Es ist nichts anderes als „Schumpeters Zerstörung“.

Es baut auf dem Prozess der schöpferischen bzw. kreativen Zerstörung auf. Durch eine Neukombination von Produktionsfaktoren werden alte Strukturen verdrängt und schließlich zerstört. Die Zerstörung ist also notwendig damit etwas Neues entstehen kann. Beispiele gibt es genügend in der Vergangenheit. Die Pferdekutsche wurde durch das Auto ersetzt und vielleicht der Verbrennungsmotor bald durch den Elektromotor.

Und dieser 6. Zyklus muss finanziert werden. Es werden immense Summen von Kapital benötigt. Dieses ist eigentlich vorhanden, muss allerdings reallokiert bzw. umgelenkt werden. Weg von fossilen Energieträgern, weg von parasitären Branchen und Unternehmen, die die Kosten auf die Allgemeinheit abwälzen. Ein fairer Preis – eine Steuer – für CO2 kann ein probates Mittel sein. Und diese Steuer ließe sich auch sozialpolitisch einführen. Die Schweiz und Kanada machen es vor. Hier hat das Klimakabinett der GroKo leider nicht auf seine Wissenschaftler gehört …

ESG war gestern, „Impact  Investing“ ist das Ziel von morgen

Die freiwerdenden Gelder müssen allerdings in Unternehmen und Branchen investiert werden, die den Klimawandel stoppen können. In Erneuerbare Energien, Batterie- und Speichersysteme, „Smart Grids“, Alternative Antriebsysteme, E-Fuels etc. Aber auch in die Landwirtschaft und Nahrungsmittelerzeugung – „vertical farming“ oder proteinbasiertes „Laborfleisch“ – muss massiv investiert werden.

Viele dieser „Lösungen“ sind bereits da und können den CO2-Ausstoß massiv senken. Sie müssen nur hochskaliert werden. Dabei können Investoren durch Nutzung ihres Vermögens als „grünem Kapital“ mit gutem Gewissen eine entsprechende Rendite erzielen – das ist „Grüner Kapitalismus“. Andere sprechen von der Neo-Ökologie[1]. Es ist der wichtigste Megatrend unserer Zeit.

Viel zu viele setzen aber Nachhaltigkeit derzeit mit Klimawandel gleich. Das greift viel zu kurz. Nachhaltigkeit ist weit mehr als nur Klima. Nur wenige kennen die 17 UN SDGs[2] – die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen – Gesundheit, Armut, Bildung, Wasser, Plastik … alles Themen. Wenn wir diese „eine Welt“ so oder besser an die nächste Generation übergeben wollen, müssen wir in diese Ziele massiv investieren. Man nennt das auch Impact Investing.

Sollten wir es nicht schaffen, werden uns unsere Kinder in 20 oder 30 Jahren zu Recht fragen, warum wir es „vergeigt“ haben. Diese Generation wird dann mit den Folgen zu leben haben. Und genau DAS kann und darf unser aller Ziel im Grunde NICHT sein, oder?

Fazit – Greta, Lindner und das Thema „Nachhaltigkeit“

Ein guter Boxkampf braucht einen guten Ringrichter – und Sprecher. Vielleicht einen Michael Buffer, der moderiert und beide Seiten vereint, aber auch dazwischen geht, wenn es unfair wird. Wir brauchen den Druck der Jugend, die Innovationsfähigkeit der Unternehmer und den Finanzierungswillen der Finanzmärkte. Es gibt so viele ermutigende Ideen wie das Ocean Cleanup Projekt[3] oder Heliogen[4] und viele andere. Also – let’s get ready to rumble!

[1] https://www.zukunftsinstitut.de/dossier/megatrend-neo-oekologie/

[2] http://www.bmz.de/de/themen/2030_agenda/index.html

[3] https://theoceancleanup.com/

[4] https://heliogen.com/

1 Kommentar. Leave new

Hallo, sehr guter Artikel und ich teile ihre Auffassungen und Positionen. Die Zeit des reinen Redens ohne zu handeln muss angesichts der Klima und Umweltsituation enden. Das Problem, dass ich jedoch sehe, liegt vor allem in der älteren Generation, die sich, bis auf wenige Ausnahmen, der real existierenden Umwelt- und Klimaproblematik verweigert. Die, aus, welchen Gründen auch immer, nicht gewillt ist, sich von einer jüngeren Generation mit einer deutlich höheren Lebenserwartung kritisieren zu lassen.

Die sich das Recht herausnimmt, Jugendlichen das Recht auf Zukunfts-Sorgen abzusprechen. Solange, die Generation, die in der Lage wäre, bereits jetzt mit all ihren Möglichkeiten, entsprechende Zeichen in Richtung Umwelt- und Klimaschutz zu setzen, sich eher damit beschäftigt, verbal gegen die selbst in die Welt gesetzte nächste Generation vorzugehen, wird das Thema Klima- und Umweltschutz ein schwieriges bleiben.

Und wer, wie ein Herr Lindner darauf vertraut, das nur eine freie Gesellschaft echte Innovationen erzeugt, ist schlicht ein Traumtänzer und ruht sich auf einer politischen Denk- und Handlungsweise aus, die nachwievor auf mittelfristige Sicht die Verwendung fossiler Energie befürwortet.

Ergo: Es gilt die Notwendigkeit des Handelns über Generationen hinweg einfach mal zu akzeptieren und zu verstehen, wer Angst hat und wer jetzt in der Lage ist, die richtigen Zeichen zu setzen und notwendige Schritte einzuleiten – und eben auch mit verpflichtenden, weisenden Maßnahmen, wenn es an der Freiwilligkeit zur Umsetzung hapert!

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